Familienstellen: Ein Leitfaden für deine Entscheidung zur Familienaufstellung
Das Familienstellen ist eine Form der Systemaufstellung, die deine Familie in den Fokus rückt und dortige Beziehungen und Dynamiken aufstellt.
In der Schweiz ist das Familienstellen bekannt und durch die türkische Serie “Ein anderes Selbst” (auf Netflix zu sehen) erlebt die Familienaufstellung aktuell eine Art Revival.
Wenn du überlegst, eine Familienaufstellung zu machen oder als Stellvertreter*in teilzunehmen, findest du hier offen und ehrlich alles, was du für deine Entscheidung brauchst.
Wir schauen in diesem Beitrag gemeinsam auf das Familienstellen und:
- wo es am wirkungsvollsten ist
- wie eine Familienaufstellung abläuft
- was für Erfahrungen ich und andere damit machen
- und wie du selbst starten kannst, bevor du es professionell angehst
Danach hast du noch einen Teil 2. Dort schauen wir genauer auf Herkunft, verschiedene Formen, wissenschaftliche Forschung, Studienlage und Kritik.
So kannst du nicht nur entscheiden, ob Familienstellen für dich interessant sein könnte, sondern auch verstehen, was hinter der Methode steckt und wie belastbar die wissenschaftlichen Aussagen dazu sind.

Das erwartet dich, aufgeteilt in 2 Abschnitte:
Spring zum Thema
Wann Familienstellen nicht das richtige Werkzeug ist
Bevor wir uns dem Familiensstellen widmen und ob es für dich etwas ist, ist eine andere Frage noch entscheidender: Ist dein Anliegen überhaupt ein Familienthema?
Fakt ist, unsere Familie prägt uns. Dein Stammbaum ist groß, die Geschichte lang und deine Erziehung maßgebend an deinem Charakter und deinen Werten beteiligt. Dennoch lässt sich nicht immer alles auf die Familie zurückführen.
In meinen über 20 Jahren als Aufstellerin habe ich gelernt: Wenn die familiären Beziehungen weitgehend stabil sind und kein sinnvoller Zusammenhang mit der Familiengeschichte erkennbar ist, wäre es nicht hilfreich, zwanghaft nach einer Ursache bei Eltern, Geschwistern, Kindern oder deinen Großeltern zu suchen.
Traumatische Erlebnisse, die ausserhalb einer intakten Familiendynamik passiert sind, können genauso einen Bruch in deiner sonst heilen Welt verursachen. Probleme in der Partnerschaft, eine starke innere Unruhe oder sonstige Trigger können berufliche, physische oder andere psychische Ursachen als Ursprung haben.
Ein wichtiges Qualitätsmerkmal meiner Arbeit mit Klienten ist, dass Familienstellen nicht für jedes Problem zu fokussieren. Darum ist es auch sehr normal, dass eine anfängliche Familienaufstellung auch mal in einen anderen Bereich rutscht.
Wenn du dir da unsicher bist, kannst du dich gerne unverbindlich bei mir melden. Bist du überzeugt, die Familienaufstellung ist relevant, widmen wir uns der zweiten wichtigen Frage!
Wann dir eine Familienaufstellung helfen kann:
Familienaufstellungen werden vor allem dann interessant, wenn du das Gefühl hast, in einer Beziehung oder in deinem eigenen Verhalten immer wieder auf ähnliche Muster zu stossen.
Wie schon erklärt, prägt dich deine Familie. Bereits im frühen Kindesalter spielen Erlebnisse und Erziehung eine grosse Rolle bei der Gestaltung deiner Charakterzüge.
Ist dir eine der folgenden Situationen bekannt?
- Du verstehst rational, warum ein Konflikt entsteht. Trotzdem verändert sich nichts.
- Du hast mit deinen Eltern längst über ein Thema gesprochen und merkst trotzdem, dass etwas zwischen euch im Raum stehen bleibt.
- In deiner Partnerschaft tauchen immer wieder ähnliche Streitpunkte auf.
- Jeder scheint seinen Platz zu haben und gleichzeitig fühlt sich niemand wirklich wohl.
- Oder du bemerkst an dir selbst eine Reaktion, die stärker ist, als es die aktuelle Situation eigentlich erklären würde.
Bei einer Familienaufstellung geht es nicht darum, herauszufinden, „wer schuld ist“. Viel mehr lautet die Frage: Was passiert eigentlich zwischen euch? Wie steht wer zu wem und wo hat die Spannung in eurer Dynamik ihren Ursprung?
Für welche Anliegen kann Familienstellen sinnvoll sein?
Familienstellen ist eine gute Wahl, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kindern dauerhaft angespannt ist.
Auch Probleme mit deinem Partner oder der Partnerin, Kindern und Jugendlichen oder im beruflichen Umfeld können die Ursache in deiner oder der Familie anderer haben.

In deiner Familie
Hauptanwendungsfall ist die eigene Familie. Streit mit dem Bruder oder eine nicht endende Distanz zwischen dir und deinem Stiefvater sind nur 2 von unzähligen Beispielen.
Auch Konflikte zwischen Eltern und Kindern werden in meiner Familienaufstellung angegangen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann die Perspektive eine andere sein als die der Erwachsenen. Kinder nehmen Beziehungen oft sehr unmittelbar wahr und formulieren Dinge mitunter erstaunlich klar.
Ähnlich komplex ist die Arbeit mit Kindern in der Trauerbegleitung und Beratung.
In Partnerschaften und Familienbeziehungen
Nicht nur du hast eine Familie. Auch die Familie deines Partners kann eine Ursache für innere Konflikte oder ungeklärte Verhältnisse mit dem Partner und/oder Familienmitgliedern sein.
- Reagierst du auf Nähe empfindlich?
- Ziehst du dich zurück, obwohl du eine Verbindung suchst?
- Landest du immer wieder in einer ähnlichen Beziehung, die eigentlich schädlich ist?
Das sind klassische Szenarien und Ursachen können in der Mutter deines Partners, der Schwester deiner festen Freundin, deinem Stiefsohn oder jemandem aus deiner Familie mit Wirkung auf deinen/deine Partner-in liegen.
Bei Trauerfällen in der Familie
Vielleicht ist ein Mensch gestorben, ohne dass wichtige Dinge ausgesprochen wurden. Vielleicht gibt es Schuldgefühle, Wut oder einen Abschied, der sich innerlich nie abgeschlossen hat.
In einer Aufstellung mit einer Klientin stand beispielsweise ein früh verstorbener Bruder als Ursache im Raum. Ein anderer Teilnehmer konnte Erinnerungen, Gefühle, innere Bilder und das, was ungesagt geblieben ist, verarbeiten.
Falls du die Trauerbegleitung kennst, so findet ab diesem Punkt des Familienstellens oft eine gewisse Übergabe statt. Im Familienstellen wird etwas ergründet, um es dann später als eigenes Thema anzugehen.
Bei wiederkehrenden persönlichen Mustern
Hin und wieder starten Betroffene bei mir mit dem Anliegen, eine persönliche Aufstellung zu machen, und kommen dann schrittweise in das Familiensystem.
Viele Indizien für familienbezogene Ursachen habe ich in all der Zeit ausfindig gemacht:
- Du arbeitest über deine Grenzen oder flüchtest in eine Beschäftigung.
- Du hast das Gefühl, jegliche Anerkennung/Belohnung verdienen zu müssen.
- Du kannst schlecht annehmen, ohne etwas zurückzugeben.
- Du gerätst immer wieder in Vermeidungsstrategien gegenüber Beziehungen.
Oftmals liegt die Ursache in der Kindheit. Darum ist Arbeiten mit dem inneren Kind auch ein Thema beim Familienstellen in der Einzelsitzung. Ein Klient beispielsweise hatte sich zu seiner Zeit einen hohen Leistungsdruck auferlegt.
Alles Positive musste mit einer Leistung beglichen sein. Jedes Log, jedes Danke und auch die persönliche Ruhe am Abend waren an enorme Aufwendungen im Sport wie im Beruf gekoppelt.
Erst in der dritten Sitzung wurde dem jungen Mann bewusst, dass seine frühe Kindheit durch seinen Vater und Großvater so geprägt war, dass einzig und alleine Leistung die Grundlage für Liebe und Anerkennung war.
Generationenübergreifende Themen
Schon unsere Kindheit kann beeinflussen, was wir später als normal, sicher oder notwendig empfinden. Erziehung wird dabei nicht nur von einer Generation zur nächsten weitergegeben.
Eltern bringen wiederum ihre eigenen Erfahrungen und Vorstellungen aus ihrer Kindheit mit. Und was du deinen Kindern vorlebst, das etablieren diese später auch in ihrem Leben.
Familien können über Generationen hinweg Muster weitergeben. Erziehungsstile, Rollen, Beziehungsvorstellungen, Umgang mit Konflikten, Schweigen über bestimmte Ereignisse oder Vorstellungen darüber, was man im Leben „sein muss“.
Die kontextuelle Familientherapie hat beispielsweise mit Konzepten wie „unsichtbaren Loyalitäten“ und Parentifizierung beschrieben, wie Beziehungen und Verantwortlichkeiten innerhalb von Familien über Generationen hinweg erlebt werden können.
Familienstellen dockt daran an und sucht mit dir die verborgenen Konflikte, unausgesprochenen Gesetze und Dynamiken, die dich, dein Verhalten und/oder dein Wohlbefinden prägen und belasten.
Wie läuft eine Familienaufstellung ab?
Nachdem die gängigsten Anwendungsfälle bekannt sind, werfen wir jetzt einen Blick auf die Familienaufstellung in der Praxis. Es gibt dabei 2 Varianten der Familienaufstellung:
- Die Aufstellung in der Gruppe mit Stellvertretern
- Die Aufstellung als Einzelsitzung mit Bodenankern
Wir schauen uns zunächst die Aufstellung mit Stellvertretern und der Rollenverteilung an. Danach gehen wir kurz auf die Einzelaufstellung und die Bodenanker ein.
Eine Familienaufstellung beginnt jedoch nicht damit, dass du einfach in einen Raum gehst und deine Familie aufstellst. Bevor wir starten, ob Gruppe oder einzeln, sprichst du mit mir.
Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell eine Erklärung zu finden. Es geht zunächst darum, dein Anliegen zu verstehen (und in der Gruppe die anderen etwas abzuholen),
- Was möchtest du verändern?
- Was möchtest du verstehen?
- Welche Beziehung macht dir Schwierigkeiten?
- Was wiederholt sich?
Und manchmal passiert dabei genau das, was ich schon angeschnitten habe: Du wanderst in einen anderen Bereich und die Familienaufstellung wird eine Traumaberatung oder eine persönliche, nur dich betreffende Aufstellung.
Andersherum passiert es, dass ein komplett fremd wirkendes Thema plötzlich in der Familienaufstellung landet und dort die Wurzel der Umstände liegt, die dich belasten.
Also dann, steigen wir ein!
So funktioniert ein Familienstellen mit Stellvertretern
Stellvertreter sind andere Menschen in der Gruppe, die eine Rolle für dich spielen. Beispielsweise kann eine Person dein Vater sein, die nächste kann die Mutter, die Schwester oder der angeheiratete Freund der Tante sein.
Auch du selbst kannst manchmal als dritte Person bleiben und jemanden in deine Rolle schlüpfen lassen. So siehst du dich in deinem System von aussen und kannst einen neuen Blickwinkel fassen.
Die Personen werden von dir ausgesucht und dürfen wiederum frei entscheiden, ob sie sich das zutrauen oder nicht. In den seltensten Fällen muss ich als Aufstellerin eine Wahl treffen.
Sind alle Rollen verteilt, stellst du die Personen im Raum auf, indem du sie sanft, aber klar an eine Stelle “schiebst” und dort “aufstellst”. Diese erste Aufstellung durch dich ist wichtig, denn das zeigt schnell, wo du wen mit welcher Nähe oder Distanz verortest.

Wir beantworten so folgende Fragen:
- Wer steht wem gegenüber?
- Wer schaut wen an?
- Wer steht abseits?
- Wie fühlt sich die eigene Position an?
Allein diese räumliche Darstellung kann bereits eine andere Betrachtung ermöglichen. Danach kommt das Wahrnehmen, Sprechen und Erkunden.
Stellvertreter können beschreiben, was sie in ihrer jeweiligen Position wahrnehmen.
- Vielleicht fühlt sich jemand eingeengt.
- Vielleicht möchte jemand Abstand.
- Vielleicht entsteht plötzlich Traurigkeit oder Wut.
Wichtig ist dabei, dass die Wahrnehmung eines Stellvertreters eine Erfahrung innerhalb der Aufstellung ist und kein Beweis dafür, wie die dargestellte Person in Wirklichkeit fühlt.
Während wir uns der Sache annehmen, verändern wir Positionen, sprechen Thematiken an und lassen die Stellvertreter die Situation beschreiben.
- Was passiert, wenn jemand einen Schritt näher steht?
- Was verändert sich, wenn eine Person mehr Abstand bekommt?
- Wie fühlt sich eine andere Position an?
Wir bringen die Dynamik rein und finden gestörte Systembeziehungen. Du selbst springst dann auch in deine Rolle und fühlst die Situation selbst. Ich bin persönlich immer wieder fasziniert davon, was diese Methode in Menschen auslöst und wie Betroffene plötzlich mehr Klarheit finden.
So funktioniert die Familienaufstellung in der Einzelsitzung
In der Einzelaufstellung passiert prinzipiell das Gleiche, was auch in der Gruppenarbeit passiert. Der primäre Unterschied liegt darin, dass wir Objekte, sogenannte Bodenanker, nutzen, um die Familie zu stellen.

Das Einzelsetting ist für viele der erste Schritt. Vor allem dann, wenn die Gruppe Unbehagen auslöst, das Thema zu persönlich für die Ohren Dritter ist oder du die persönliche 1:1-Sitzung einfach angenehmer empfindest.
Den Anfang macht wieder das Gespräch. Wir finden uns ein und du erzählst dein Anliegen. Danach beginnen wir, die Bodenanker zu verteilen, stellen die Familie und arbeiten uns durch.
Im Einzelsetting führe ich dich etwas mehr als in der Gruppe, deren Dynamik selbst viel bewirkt. Auch hier nutzen wir die Techniken der Aufstellung, damit du das System erfüllst und dein Körper reagieren kann.
Du spürst, wo es angenehmer ist, wo du anspannst und wo du unerwünschte Reaktionen erfährst. Dort setzen wir dann an und finden Lösungen.
Erfahrungen, was Menschen im Familienstellen erleben:
Jeder nimmt seine Familienaufstellung anders wahr und auch jene, die nur als Stellvertreter teilnehmen, statt selbst eine aktive Aufstellung für sich zu machen, nehmen einiges mit.
Alle erleben ihre ganz eigene Geschichte, finden sich wieder, fühlen mit dir oder mit einer der Rollen. Wer aktiv eine Rolle übernimmt, spürt plötzlich eine Verbundenheit oder auch Ablehnung.
Ausser echten Soziopathen tragen wir alle eine Form der Empathie in uns und das spürt man in der generellen Aufstellung, in der Familienaufstellung jedoch besonders stark.
Eine Teilnehmerin übernahm die Rolle der kleinen Schwester. Die beiden Frauen kannten sich nicht und im Verlauf der Aufstellung (obwohl es wichtig ist, sich nicht unbewusst anzufassen) packte die Dame ihre “grosse Schwester” am Arm, um Beistand zu leisten.
Eine andere Situation liess einen jungen Mann die Rolle des Freundes übernehmen, der in seiner Position recht unbeholfen schien. Während die Partnerin des Mannes mehr und mehr verstand, was in ihrem Partner los ist, konfrontierte sich der Stellvertreter mit dessen eigenen Gedankengängen.
Diese Reaktionen werden auch Somatic Experiences oder auch somatische Reaktionen genannt.

Die Klientin konnte an diesem Tag etwas für ihre Beziehung tun, der junge Mann erlangte eine wunderbare Selbsterkenntnis, die ihn seinen Beschützerinstinkt besser kontrollieren lässt – wie er dann später mitteilte.
Familienaufstellungen können sehr emotional werden. Besonders wenn es um verstorbene Familienmitglieder oder unausgesprochene Fehden mit Geschwistern geht. Selbst stille Teilnehmende, die weder aufstellen noch eine Rolle spielen, erleben die Aufstellung sehr intensiv.
Eine Klientin fasste es sehr treffend zusammen:
„Es ist wie ein Film, der dich in seinen Bann zieht. Du fieberst mit, fühlst, leidest und je nach Verlauf und Ende bist du selbst emotional und mental erstmal fix und fertig für den Moment.“
Wie fühlt man sich nach einer Familienaufstellung?
Der letzte Absatz ist eine gute Überleitung. Die Frage ist sehr üblich und auch wichtig. Wie fühlst du dich nach einem Familienstellen? In all den Jahren erlebe ich vor allem Entlastung, mehr Ruhe, mehr Klarheit und mehr Verständnis bei meinen Teilnehmenden.
- Du wirst je nach Verlauf erstmal aufgewühlt sein.
- Eventuell etwas emotional, aber definitiv befreiter.
- Du hast neue Perspektiven gefunden.
- Du verstehst die Umstände besser und hast ein Bild vor Augen.
Die Forschung zu Aufstellungsarbeit berichtet sowohl von positiven Veränderungen als auch von möglichen unerwünschten Reaktionen. In der systematischen Übersichtsarbeit von Konkolÿ Thege und Kollegen wurden in einigen der eingeschlossenen Studien bei einem kleinen Anteil der Teilnehmenden leichte bis moderate negative Reaktionen berichtet.
Manchmal kommt es vor, dass man im ersten Moment mehr Fragen hat als davor. Das ist selten, kommt aber vor und ist nichts Schlechtes. Diese Klienten möchten sehr oft eine zweite Aufstellung machen, sich im Nachgang eine Einzelsitzung terminieren oder nochmal telefonieren.
Das Konzept von Aufstellung – Lösung – Erledigt funktioniert nicht. Daher sind auch erstmal negativ aufgefasste Reaktionen möglich, meist aber schnell verflogen. Ich kann dich also beruhigen. Die positiven Aspekte überwiegen.
Selbst mal ein Familienstellen machen?
Schau dich auf meiner Aufstellungsseite zum Thema um. Wenn du glaubst, das könnte was für dich sein, kannst du dich unverbindlich bei mir melden.
Wie bereitest du dich also auf so ein Familienstellen vor?
Zu wissen, was dich erwartet, führt zwangsläufig auch zur Frage, wie du dich vorbereiten kannst. Ich empfehle immer, schon mal etwas Familienarbeit zu betreiben:
- Gibt es Ereignisse, die mit deinem Anliegen zusammenhängen könnten?
- Kannst du dein Anliegen bereits konkretisieren und klar vortragen?
- Hat es in der Familienhistorie bei Partner/Partnerin einen Vorfall gegeben?
- Erinnerst du dich an ein Muster von Familienmitgliedern, das dich geprägt hat?
Je mehr du schon in Erfahrung gebracht hast, desto detailierter können wir aufstellen. Auch ein Blick auf deine Familiengeschichte kann hilfreich sein.
- Welche Familienmitglieder kennst du?
- Welche Beziehungen waren besonders eng oder besonders schwierig?
- Gab es Trennungen, Todesfälle, Adoptionen, frühe
- Verluste oder andere einschneidende Ereignisse?
- Gibt es Geschichten, über die in deiner Familie kaum gesprochen wird?
- Und gibt es etwas, das sich bei dir selbst immer wiederholt?
Das Thema Genogrammarbeit inklusive einer Vorlage für dich wurde auch behandelt. Im Blog findest du noch mehr dazu.
In einer Aufstellung fühlte sich die Klientin von ihren Eltern unzureichend angenommen. Irgendwann, als sich die Geschwister den Eltern gegenüberstanden, hatten erstaunlicherweise alle eine Blockade in der Mitte gefühlt.
Wir haben einen weiteren Stellvertreter dazugeholt und ihn in die Mitte gelegt. Es war regelrecht greifbar, wie die Stimmung im Raum gewechselt ist. Am Ende stand eine mögliche Todgeburt eines nie bekannten Bruders im Raum.
Das Beispiel verdeutlicht dir auch, dass du nicht mit einem 100 % klaren Stammbaum auftauchen musst. Es reicht schon, Bruchstücke der Familiengeschichte mitzubringen, damit ich meine Arbeit mit dir noch zielführender ausgestalten kann.
Woran du eine seriöse Aufstellungsleitung erkennst:
Diese Form der Vorbereitung transparent zu vermitteln (das mache ich auch auf meiner Leistungsseite zur Familienaufstellung) ist auch dein erster Indikator für seriöse Systemaufsteller*innen.
Du solltest nicht ohne Vorbereitung in eine hoch emotionale Gruppen- oder Einzelaufstellung geschickt werden. Eine engagierte Anlaufstelle bietet dir wie hier digital und persönlich so viel Entscheidungshilfe wie es geht.
Ein weiterer Punkt, den auch meine Kundschaft schätzt, ist deine Entscheidungshoheit. Du bist die Fachperson für dein eigenes Leben. Eine Leitung kann Fragen stellen, Perspektiven anbieten und Prozesse begleiten. Sie sollte dir nicht erklären, was deine Familie „in Wahrheit“ getan hat.
Dazu gehört dann auch, Annahmen als Hypothesen zu betrachten. Wir alle haben unterschiedliche Werte, Charaktere und Interpretationen. Eine Situation während der Aufstellung und eine Gefühlslage müssen nicht zwangsläufig der Kern des Problems sein.

Die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) nennt genau diesen Punkt ausdrücklich: “Aussagen von Stellvertretern und Therapeutinnen oder Therapeuten sollen als Hypothesen verstanden werden und für die Klientin oder den Klienten jederzeit verwerfbar bleiben.”
Am Ende und für mich sehr wichtig ist Einfühlungsvermögen. Mit Bedacht agieren, bewusst fragen, deine Körperreaktionen lesen und bei zu viel Druck entlasten sind wichtige Merkmale einer guten Mediation.
Auch sollte dir niemand einen langen Therapieprozess aufschwatzen. Manche Klienten kommen regelmässig für die persönliche Entwicklung. Andere engagieren sich sporadisch als Stellvertretende und wieder andere sind einmal da und melden sich dann Monate später, wie gut es ihnen immer noch geht.
Es kommt vor, dass 2 oder 3 Sitzungen nötig werden. Die Entscheidung trägst du (zumindest bei mir) und das sollte auch immer so sein. Im zweiten Teil erhältst du am Ende auch nochmal eine Checkliste und Anmerkungen aus der Forschung zum Thema Seriosität.
Wann ist das Familienstellen erfolgsversprechend?
Die Tabelle gibt dir schnell einen Überblick über die Anliegen und ob eine Aufstellung hilfreich ist.
Dein Anliegen | Eine Aufstellung kann interessant sein, wenn … |
|---|---|
Familienkonflikte | du wiederkehrende Beziehungsmuster verstehen möchtest |
Eltern-Kind-Beziehung | gegenseitige Erwartungen, Distanz oder Konflikte im Mittelpunkt stehen |
Partnerschaft | du eigene Beziehungsmuster und familiäre Prägungen betrachten möchtest |
Patchworkfamilie | Zugehörigkeit, Rollen oder Beziehungen kompliziert geworden sind |
Trauer | eine Beziehung zu einem verstorbenen Menschen innerlich ungeklärt geblieben ist |
Persönliche Muster | du bestimmte Reaktionen oder Verhaltensweisen besser verstehen möchtest |
Generationenthemen | dich bestimmte Familiengeschichten oder wiederkehrende Muster beschäftigen |
Akutes Trauma | das konkrete Ereignis selbst im Vordergrund steht → andere fachliche Unterstützung prüfen |
Akute psychische Krise | zunächst eine geeignete medizinische oder psychotherapeutische Unterstützung notwendig sein kann ... |
Familienstellen ist kein Test, der dir die Ursache deines Problems beweist, sondern eine wirkungsvolle Methode für mehr Klarheit und Problemverständnis.
Ob daraus eine hilfreiche Veränderung entsteht, hängt von deinem Anliegen, deinem persönlichen Kontext, der Qualität der Durchführung und auch von vielen Faktoren ab, die eine einzelne Aufstellung nicht kontrollieren kann.
Falls du jetzt ein Familienstellen durchführen willst, schau gerne ins Detail oder schicke mir hier eine konkrete Anfrage! Gemeinsam kümmern wir uns um dein Anliegen und finden Lösungen mit System.

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Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag hilft, eine für DICH richtige Entscheidung zu treffen!
Wenn du Fragen hast oder ein Erstgespräch brauchst, einfach melden. Ich antworte dir so schnell ich kann!
Familienstellen: Methode, Herkunft, Formen und wissenschaftliche Einordnung
Bis hierhin ging es um die Frage, was Familienstellen für dich bedeuten kann und worauf du bei einer Aufstellung achten solltest. Jetzt beginnt der etwas anspruchsvollere Teil des Beitrags.
Hier finden Realisten, Skeptiker, Detailverliebte und jene, die alles und jeden bewusst hinterfragen, die tiefen Einblicke ins Familienstellen. Das ist mir auch wichtig, denn Familienaufstellungen sind wie die generelle Systemarbeit keine Esoterik.
Willst du Familienstellen wissenschaftlich betrachten, reicht es nicht, einzelne Erfahrungen zu sammeln und daraus eine allgemeine Wahrheit abzuleiten.
Darum unterscheiden wir zwischen historischer Entwicklung, systemischer Theorie, persönlicher Erfahrung, möglichen Wirkmechanismen und dem, was tatsächlich empirisch untersucht wurde [441].
Stationen und Evolution der Familienaufstellung
Zu Beginn räumen wir mit einem weit verbreiteten Irrglauben auf. Wenn du erste Kontakte mit dem Familienstellen hast, kommst du an Bert Hellinger nicht vorbei. Viele Quellen behaupten, er habe das Familienstellen als einsame Offenbarung aus Südafrika mitgebracht [4].
Das ist ein romantischer Mythos, der historisch nachweisbar falsch ist. Hellinger selbst verwies stets auf die reichen Einflüsse westlicher Therapeuten [4, 15].
Die Aufstellungsarbeit ist kein esoterisches Wunder, sondern ein handfestes psychotherapeutisches Handwerk, das auf den wichtigsten Strömungen der Psychologie des 20. Jahrhunderts aufbaut [5, 445].
Die Entwicklung ist umfassender und deutlich interessanter!
Zurückführen werden wir 6 Epochen. Beginnend um 1889 bis ins heutige 2026. Keine Sorge, das wird kein langweiliger Geschichtsblock, sondern ein informativer Kurztrip.
Wenn dich eine Epoche interessiert, klappst du die Box einfach auf, ansonsten springst du einfach in die Bereiche, die dich nachfolgend interessieren.

(1889–1974) Jacob Levy Moreno und das Psychodrama
Wir starten beim österreichischen Arzt Jacob L. Moreno. Er gilt als eigentlicher Pionier der räumlichen Beziehungsarbeit, also dem Aufstellen von Personen und ihren Beziehungen.
Er entwickelte in den 1940er Jahren das Psychodrama. Das ist eine humanistische Therapieform, in der Beziehungsdynamiken nicht nur auf der Couch besprochen, sondern im Raum aktiv inszeniert werden [7, 77, 78].
Moreno führte fundamentale Konzepte ein:
- Tele: Die emotionale Verbindung und der Rapport zwischen Menschen oder inneren Rollen [78, 79].
- Surplus Reality (Überschussrealität): Eine therapeutische Dimension, in der die subjektive Realität des Klienten im Raum externalisiert wird, um Grenzen von Zeit und Raum zu überschreiten [81, 152]. Moreno beschrieb diesen Zustand oft als tranceähnlich [82].
- Hilfs-Egos (Hilfspersonen): Gruppenmitglieder, die Rollen im Beziehungsfeld des Klienten (des Protagonisten) einnehmen, um verborgene Konflikte sichtbar zu machen [78, 148].
In der Aufstellungsarbeit tun wir genau das Gleiche. Deine Stellvertreter machen im Raum Beziehungsstrukturen sichtbar [7, 150].
(1916–1988) Virginia Satir und die Familienskulptur
In den 1950er Jahren entwickelte “die Mutter” der systemischen Therapie, Mrs. Virginia Satir die Familienskulptur und die Familienrekonstruktion [8, 106, 486].
Satir erkannte durch einen Zufall im Jahr 1962, dass Stellvertreter oder Symbole (wie Stühle), die physisch im Raum zueinander positioniert werden, die unbewussten emotionalen Zustände einer Familie spiegeln können [8]:
- Körperliche Haltungen (Stances): Satir stellte fest, dass Menschen, wenn sie in eine bestimmte körperliche Position gebracht werden (z.B. kniend, weggedreht, distanziert), sofort die dazugehörigen Emotionen dieses Beziehungsstatus empfinden [8, 158].
- Externalisierung: Die innere Landkarte der Familie wird im Raum abgebildet, um emotionale Distanzen, Machtstrukturen und verdeckte Allianzen sichtbar zu machen [109, 110].
Sie hat also sozusagen das Konzept der Bodenanker gefunden und eine Art des Somatic Experiencing (somatische Erfahrungen) etabliert.
(1920–2007) Ivan Böszörményi-Nagy und die Mehrgenerationen
Der ungarisch-amerikanische Psychiater Iván Böszörményi-Nagy begründete die Kontextuelle Familientherapie. Diese ist das Fundament der Aufstellungsarbeit, wie sie heute noch praktiziert wird [3, 6, 86]:
- Unsichtbare Loyalitäten: unbewusste, generationsübergreifende Bindungen, die uns verpflichten, das Schicksal oder die Schuld unserer Vorfahren zu tragen [6, 87, 88].
- Das familiäre Kontobuch: ein unsichtbares moralisches Kontobuch von Geben und Nehmen, Schuld und Verdienst innerhalb einer Familie [6, 88, 89]. Ist dieses Buch durch Ungerechtigkeit oder ungesühnte Schuld überlastet, versuchen spätere Generationen unbewusst, einen Ausgleich zu schaffen und das oft durch Selbstsabotage oder Krankheit [89, 259].
- Parentifizierung: die ungesunde Rollenumkehr, bei der Kinder die Verantwortung und emotionalen Lasten ihrer Eltern tragen [447, 481].
Besonders die Parentifizierung ist ein Umstand, den ich sehr häufig bei Klienten aller Art finde und dann mit ihnen daran arbeite.
(1925–2010) Die “vergessene” Thea Schönfelder
Thea Schönfelder, war die Erste, die in den 1970er Jahren Satirs Familienskulptur mit der Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT) verband [3, 10].
Die Hamburger Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie stellte Klienten ohne Erklärung im Raum auf und befragte diese rein nach ihren unmittelbaren körperlichen Wahrnehmungen [11, 12].
- Sie bevorzugte das Konzept „Erfahrung vor Interpretation“ [10, 18], was das Pendant von „Probieren geht über Studieren“ wäre.
- Sie entwickelte auch die Arbeit mit Figuren auf dem Familienbrett (Systembrett) für die Einzeltherapie [12].
Nebenfakt: Bert Hellinger lernte diese Arbeit nachweislich in ihren Workshops kennen und übernahm wesentliche Teile ihrer Methodik [4, 14].
(1925–2019) Bert Hellinger mit Synthese und die Kontroverse
Jetzt erst kommt der “fälschlich” als Urgrossvater des Familienstellens betitelte Bert Hellinger. Hellinger integrierte alle bisherigen Errungenschaften und formte daraus das heute bekannte “klassische Familienstellen” [9, 10, 555] .
Die Südafrika-Geschichte jedoch stimmt:
- Seine 16-jährige Tätigkeit als katholischer Missionar und Schulleiter bei den Zulu in Südafrika prägte sein Weltbild tief [16, 58, 444].
- Er bewunderte deren Ahnenverehrung (Amadlozi) und die rituelle Einbindung des Einzelnen in ein grosses kollektives Ganzes [113, 114].
- Diese spirituelle Haltung übertrug er auf das westliche Familienstellen [67].
In den 1990er Jahren schwenkte Hellinger in eine etwas unangenehmere Richtung:
- 1990 rum formulierte Hellinger die „Ordnungen der Liebe“ als absolute, archaische Naturgesetze [21, 131, 446].
- Aus einst empirischer Arbeit wurde ein patriarchales, direktives und esoterisches System [295, 304, 403].
Die heftige Kritik von Fachverbänden kam später dann durch Behauptungen, in Kontakt mit einer „höheren Macht“ oder einem „kollektiven Gewissen“ zu stehen [295, 302, 409].
(Heute) Die moderne, post-hellingerianische Aufstellungsarbeit
Hellingers Abwandlung ins Negative (“böse Zungen behaupten Wahn”) schädigte die Familienaufstellung als seriöse und akzeptierte Methodik für lange Zeit. Daher freue ich mich umso mehr, wenn du gerade diese Zeilen liest.
Aufgrund der massiven ethischen und klinischen Mängel von Hellingers klassischer Methode spaltete sich das Feld in den letzten Jahrzehnten auf [5, 456]. Namhafte Therapeuten entwickelten die Methode wissenschaftlich und traumasensibel weiter [4, 17, 417].
Unter anderem sind die folgenden Errungenschaften seither etabliert worden:
Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) nach Prof. Dr. Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer: Ein streng konstruktivistischer, lösungsfokussierter Ansatz, der auf Sprache, Unterschieden und der Autonomie des Klienten basiert [17, 36, 420].
Systemische Selbst-Integration (SSI) nach Dr. Ernst Robert Langlotz: Ein Ansatz zur Abgrenzung und Integration von Selbstanteilen bei symbiotischen Verstrickungen [5, 420].
Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) nach Prof. Dr. Franz Ruppert: Hier wird nicht das Familiensystem aufgestellt, sondern die gespaltenen Anteile der eigenen Psyche des Klienten, um frühkindliche Traumata behutsam zu integrieren [172, 173, 421].
Alle 3 Bereiche werden in abgewandelter Form praktiziert. Auch ich habe mit der Zeit meine ganz persönlichen und auf meine Kundschaft zugeschnittenen Methoden ableiten können und fahre seither sehr erfolgreich damit.
Familienstellen wissenschaftlich erklärt
Das Familienstellen gehört zum Feld der Systemaufstellungen. Es werden Beziehungen, Rollen oder andere Bestandteile eines Systems räumlich dargestellt. Im Fall des Familienstellens ist das System „Familie“ relevant.
Ganz am Anfang wurde das “Familienstellen” medizinisch verwendet, um Krankheitsbilder in Familien zu finden. Wenn Kinder eine Erkrankung erlitten, forschten Ärzte die ganze Familie durch, um mögliche Erbkrankheiten, Verhaltensmuster oder Umweltfaktoren zu finden.
In einer Gruppenaufstellung können Menschen als Stellvertreterinnen und Stellvertreter eingesetzt werden. In Einzelsettings kommen unter anderem Bodenanker, Figuren oder das Familien- beziehungsweise Systembrett zum Einsatz [3, 12, 18, 416, 419].
Der psychologische Ansatz der Aufstellung ist die Externalisierung. Etwas, das bisher nur als inneres Erleben, als Beziehung oder als Konflikt vorhanden war, wird im Raum sichtbar.
Du kannst dadurch unter anderem erkennen:
- wer wem besonders nahe oder fernsteht,
- welche Personen sich zu- oder voneinander abwenden,
- welche Position du selbst einnimmst,
- welche Beziehungen als belastet erlebt werden,
- und welche Veränderungen sich ergeben, wenn Positionen oder Perspektiven verändert werden.
Diese räumliche Darstellung ist kein exklusives Merkmal des Familienstellens. Ihre Wurzeln reichen deutlich weiter zurück und verbinden unter anderem Psychodrama, Familienskulptur, kontextuelle Familientherapie und verschiedene Formen systemischer Arbeit [2, 3, 7, 8, 86, 419].

Wenn du den ersten Teil schon überflogen hast, dann weisst du, wie die Emotionen spürbar werden. Somatische Reaktionen, also der Körper reagiert auf etwas, kommen dazu. Diese wichtigen Signale können jedoch erst aufkommen, wenn wir das System physisch nachstellen.
Auch habe ich erörtert, dass die dargestellte Person im wirklichen Leben nicht automatisch genau so fühlt oder sich damals tatsächlich so verhalten hat, wie die Aufstellung es nun vermuten lässt.
Moderne systemische Aufstellungsarbeit arbeitet deshalb stärker mit Hypothesen, Perspektiven und Unterschieden als mit unumstösslichen Wahrheiten [17, 36, 420, 422].
Diese Unterscheidung trennt eine professionelle, hypothesenorientierte Aufstellungsarbeit, wie ich sie mache, deutlich von Verfahren, in denen deine Aufsteller sagen, verborgene Tatsachen über ein Familiensystem unmittelbar erkennen zu können [434, 438, 439].
Systemische Theorie: die wissenschaftliche Brücke zum Systemdenken
Das Thema Denken im System ist gemeinsam mit dem kritischen Denken seit der KI-Welle stark im Netz und anderen Medien vertreten. Systemisches Denken hat darum auch einen ganz eigenen Beitrag bekommen.
Ein Teil der Grundlage moderner Aufstellungsarbeit stammt aus systemischen Denkkonzepten. Die allgemeine Systemtheorie geht davon aus, dass Systeme nicht einfach aus voneinander unabhängigen Einzelteilen bestehen.
Veränderungen an einer Stelle können Auswirkungen auf andere Teile des Systems haben [480, 483].

Ein Beispiel passend zur Familie: Verändert sich beispielsweise die Beziehung zwischen Eltern, kann dies Auswirkungen auf Kinder, Geschwister und die gesamte familiäre Kommunikation haben.
Menschliche Beziehungen oder nennen wir es Systeme, sind komplex und wir Menschen sind unfassbar anfällig im Kollektiv, also in Gruppen und Hierarchien.
In systemischen Modellen können Symptome unter bestimmten Umständen als Bestandteil eines Beziehungsgeschehens verstanden werden und nicht ausschliesslich als isoliertes Problem einer einzelnen Person [405, 478].
Ein Elternteil oder manchmal sogar ein entfernter Verwandter reicht, um ein ganzes Familiengefüge zu beinflussen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Symptom immer durch die Familie verursacht wird.
Dazu kommen eigene Narrative und unsere Geschichten
Unsere Identität entsteht nicht nur aus einzelnen Ereignissen. Sie wird auch durch die Geschichten geprägt, die wir über uns selbst, unsere Familie und unsere Vergangenheit erzählen [489].
Wir alle leben eine gewisse Rolle oder haben Annahmen:
- Ich bin der, auf den die Anderen immer bauen und sich verlassen.
- Ich bin immer diejenige der Familie, die alles zusammenhalten muss.
- Papa und Opa waren schon immer kühler, das haben wir in der Familie.
- Oma hat dir nie verziehen, dass du umgezogen bist – ich verrate sie nicht.
Wenn Menschen diese Denkmuster jahrelang verinnerlichen und überzeugt sind, kann diese Überzeugung zukünftige Wahrnehmungen und Entscheidungen beeinflussen.

Darum ist die Massnahme, jemanden aussen vor zu lassen und sich selbst in der Aufstellung aus dritter Sicht zu betrachten, so wirkungsvoll.
In narrativen und systemischen Ansätzen wird dieser Prozess unter anderem als Reframing oder als Veränderung dominanter Selbsterzählungen beschrieben [489, 493].
Seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, ist schwer, und sich selbst infragezustellen auch.
Warum Familienstellen überhaupt funktioniert
Diese wissenschaftliche und methodische Grundlage ist die Antwort darauf, wieso Familienaufstellungen bei Menschen funktionieren und Antworten auf Fragen und Probleme bieten.
Warum genau das Familienstellen so wirkt, wie es wirkt, lässt sich durch reine Forschung und Studien nicht exakt beantworten. So offen muss und will ich sein. Doch es gibt bereits aus Jahrzehnten der Untersuchungen einige plausible Erklärungsmodelle.
1) Repräsentierende Wahrnehmung statt Channeling
In der modernen Aufstellungsarbeit wird zwischen einer repräsentierenden Wahrnehmung und esoterischen Vorstellungen eines Channelings unterschieden [353, 358].
Beim Channeling wird der Stellvertreter als eine Art Medium verstanden, das Informationen aus einer anderen geistigen oder übernatürlichen Quelle empfängt. Solche Erklärungen gehören nicht zur wissenschaftlich abgesicherten Grundlage der Methode [295, 308, 357].
Ich persönlich glaube an eine gewisse Art der Spiritualität im Menschen, aber nicht daran, dass wir aus übernatürlichen Verbindungen eine Information abrufen.
Bei der repräsentierenden Wahrnehmung (die ich in meiner Aufstellungsarbeit nutze) steht dagegen die unmittelbare Beobachtung des eigenen Erlebens im Mittelpunkt.
Stellvertreter beschreiben Gefühlsagen und Impulse häufig so:
- „Mein linker Arm fühlt sich kalt an.“
- „Ich möchte mich wegdrehen.“
- „Ich fühle mich eingeengt.“
- „Ich habe den Impuls, jemanden anzusehen.“
- „Ich spüre Druck in der Brust.“
Die Idee ist nicht, dass der Stellvertreter bewusst schauspielert oder eine Rolle psychologisch analysiert. Selbst psychologisch geschulte und sich der Situation zu 100 % bewusste Teilnehmer haben diese Reaktionen, ohne sie herbeizuführen.
Die Rolle beschreibt zunächst, was sie wahrnimmt [358, 359, 361, 362]. Aus diesen Wahrnehmungen entstehen anschließend die Hypothesen über das aufgestellte Familiensystem.
2) Epigenetik und transgenerationale Effekte
Die sogenannte Generationenaufstellung ist das Familienstellen mit Erfahrungen früherer Generationen. Hier wird es besonders faszinierend. Die moderne Forschung zur Epigenetik untersucht, wie Umweltbedingungen und belastende Erfahrungen biologische Regulationsprozesse beeinflussen können [193].
Epigenetik können wir uns vorstellen wie die Anleitung für deine Genetik. Yehuda und Lehrner beschreiben beispielsweise Forschung zur möglichen intergenerationalen Übertragung von Traumaeffekten und diskutieren epigenetische Mechanismen als einen möglichen Teil dieser Prozesse [197, 198].
Einfach ausgedrückt:
- Deine Mutter hat als Kind schlimme Familienumstände erlebt. Das hat Schutzmechanismen aktiviert. D
- iese Mechanismen wurden an dich “vererbt”.
- Ohne zu wissen wieso, reagierst du auf ähnliche Ereignisse, wie sie deine Mutter erlebte, mit der selben Reaktion.
Es gibt aktive Forschung zur intergenerationalen Übertragung von Traumaeffekten. Das bedeutet aber nicht, dass dies zu 100 % belegt ist oder dass eine Familienaufstellung ein biologisch gespeichertes Trauma der Urgrossmutter auslesen kann.
Auch das von Mark Wolynn beschriebene biologische Gedankenexperiment, dass während einer Schwangerschaft bereits die nächste Generation körperlich angelegt ist, macht biologische Kontinuität anschaulich [192], beweist jedoch nicht, dass konkrete psychische Inhalte über Generationen unverändert biologisch gespeichert und später ausgelebt werden.
3) Morphogenetische beziehungsweise morphische Felder nach Rupert Sheldrake
Der Biologe Rupert Sheldrake brachte die Hypothese morphischer Felder ein, in denen sich Muster oder Formen über sogenannte morphische Resonanz wiederholen können [206, 207].
Das soll erklären, warum ein Stellvertreter Informationen eines Familiensystems wahrnehmen könnte, obwohl er die betreffende Familie überhaupt nicht kennt. Ich bezeichne es vielleicht auch laienhaft als verborgene Empathie.
Du kennst das auch, dass du in gewissen Situationen unbewusst genau richtig handelst, Menschen beistehst oder mitfühlst. Diese Empathie kann auch reiner Logik und verknüpftem Ursache-Wirkungsdenken folgen.
Du hast keinen Beleg, aber die Indizien sprechen dafür, dass eine Person aufgrund dieser und jener Ursachen sowie dieser und jener Annahme der Situation geschuldet so reagiert, wie sie eben reagiert.
Das wird in Aufstellungskreisen teilweise mit dem Begriff des „wissenden Feldes“ verbunden [207, 355, 452]. Morphogenetische Felder gehören zu den theoretischen beziehungsweise spekulativen Modellen, mit denen das Phänomen repräsentierender Wahrnehmung erklärt werden soll [206, 207].
Das macht es interessant, aber nicht zu einem empirisch bestätigten Wirkmechanismus.
4) Quantenphysik und Nicht-Lokalität (Achtung, sehr abstrakt)
Diesen Punkt fasse ich kurz, denn das übersteigt den psychologischen Bereich und versucht, die Ergebnisse des Familienstellens mit moderner Physik auf menschliches Bewusstsein zu übertragen.
Es geht um die Frage, ob das Bewusstsein physikalisch nicht-lokale Eigenschaften besitzen könnte [66, 199, 200, 204, 205]. Aus meiner Sicht ist das ein nachvollziehbarer Versuch der Forschung, etwas so Physisch-Abstraktes wie das Bewusstsein mit greifbaren Dingen zu erklären.
Ich halte diese Idee kurz, da es viele Menschen gibt, die solche Gedankenwelten mögen:
- Zwei quantenphysikalisch verschränkte Teilchen haben bestimmte mathematisch beschreibbare Eigenschaften.
- Egal wie gross die Entfernung ist, es bleibt eine gewisse Verbindung bestehen und die Teilchen reagieren als System.
Auf das Familienstellen übertragen will die Wissenschaft so erklären, dass Familienmitglieder auf Quantenebene emotional verschränkt, also verbunden bleiben und sich gegenseitig beeinflussen, sogar über den Tod hinaus [200, 244].

Was mich diese Aussagen nachvollziehen lassen würde, ist der Fakt, dass sehr viele schon diese Momente hatten, in denen wir von jetzt auf gleich etwas geahnt haben.
Beispielsweise ein kurzes Innehalten und dann sagen: „Irgendwas ist mit Bernd Später stellt sich dann heraus, ja, mit Bernd war was und deine urplötzliche Intuition wirkt wie eine Verbindung zu Bernd, der meilenweit weg in die Bredouille geraten ist.
Ein weiterer Punkt, wie Aufstellungsarbeit in die Physik übertragen wird, ist der Beobachtereffekt aus der Quantenphysik auf psychotherapeutische Prozesse.
Im Doppelspaltexperiment der Quantenphysik kollabiert die Wellenfunktion einer Möglichkeit erst durch den Akt der gezielten Messung (Beobachtung) zu einem realen Teilchen [204, 205].

Übertragen auf die Aufstellung bedeutet dies: Durch das bewusste, wertfreie Anschauen des verdrängten Traumas („Anerkennen, was ist“) kollabiert das starre, destruktive Wiederholungsmuster im Quantenfeld der Familie, und ein neuer, heilender Weg kann entstehen [124, 211, 505].
Bedeutet übersetzt:
- Richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf uns und den Umstand, dann haben wir extrem viele Wahrscheinlichkeiten, wo die Ursachen liegen.
- Richten wir unsere volle Aufmerksamkeit auf uns und den Umstand, dann grenzen wir die Wahrscheinlichkeiten stark ein und finden Lösungen.
Ich finde es faszinierend, wie weit man die Aufstellungsarbeit aufarbeiten kann. Dennoch gilt auch dieser Ansatz als Idee, nicht als Bestätigung, dass das Familienstellen genau so funktioniert [124, 204, 205, 211].
Die empirische Studienlage – Daten, Fakten, Statistiken zum Familienstellen
Was die allermeisten Menschen erfahren möchten, ist, was die Wirksamkeit einer Familienaufstellung belegt. Bisher haben wir uns mehrere Erklärungsversuche angesehen, wie es funktioniert.
Jetzt schauen wir uns die Evidenz an, ob es funktioniert und warum. In den letzten 15 Jahren wurde die Methode in wissenschaftlichen Studien und systematischen Reviews intensiv untersucht [467]. Wir haben also was vor uns.
Die Heidelberger RCT-Studie (Hunger et al., 2013 / Weinhold et al., 2013)
Die Heidelberger Studie ist eine der am meisten referenzierten Studien zum Thema. Sie ist die weltweit bekannteste und methodisch am besten abgesicherte randomisierte kontrollierte Studie zur Aufstellungsarbeit, durchgeführt an der Universität Heidelberg [217, 467].
- 208 gesunde Erwachsene wie du und ich nahmen teil.
- Es war ein standardisiertes 3-tägiges Familienaufstellungsseminar.
- Es gab eine Kontrollgruppe und eine Interventionsgruppe.
- Messungen gab es vor sowie 2 Wochen und 4 Monate nach Ende der Intervention.
Erfasst wurde das allgemeine psychische und emotionale Funktionsniveau in den Bereichen Symptombelastung, Partnerschaft und soziale Rolle [219]. Dazu gab es einen Fragebogen zum subjektiven Wohlbefinden, zur Inkongruenz und zu interpersonellen Problemen [220].
Abschliessend wurde noch ein Inkongruenzfragebogen in Kurzform genutzt, der motivationale Inkongruenz, also die Diskrepanz zwischen den persönlichen Zielen einer Person und ihrer tatsächlichen Erreichbarkeit im Alltag misst [218, 221].
Ergebnisse der Heidelberger Studie
Die Interventionsgruppe zeigte im Vergleich zur Wartegruppe statistisch signifikante, kleine bis moderate Verbesserungen auf allen drei Skalen (Wohlbefinden, Beziehungsqualität, Reduktion von psychischer Belastung und motivationaler Inkongruenz) [219].
Diese positiven Effekte waren auch nach 4 Monaten stabil nachweisbar [219]. Allerdings waren die Effektstärken geringer als bei einer klassischen, mehrwöchigen kontinuierlichen Richtlinien-Psychotherapie [219].
Kritik und Grenzen:
- Vorab positiv gestimmte Teilnehmer kamen zudem aus sozial engagierten Berufen.
- Personengruppen waren ohne schwere psychische oder traumatische Belastung.
- Beobachter kannten die Verteilung (Beobachtungsbias) und anteilig selbst Praktizierende.
- Wartegruppe statt weiterer aktiver Kontrollgruppe könnte Placebo und andere Faktoren ermöglichen
Fazit: Die Studie war sehr gut aufgebaut und bringt gute Ergebnisse. Der Versuchsaufbau selbst kann aber keiner sehr starken Kritik und Voreingenommenheit standhalten.
Der systematische Review von Konkolÿ Thege et al. (2021)
Konkoly veröffentlichte im renommierten Fachjournal „Family Process“ eine systematische Arbeit, die das weltweite quantitative Wissen zur Aufstellungsarbeit zusammenfasst [276, 514].
- Es wurden 4’197 wissenschaftliche Datensätze durchsucht [516].
- 12 quantitative, prospektive Studien mit 10 unabhängigen Stichproben versehen.
- Dazu erfüllten 568 Teilnehmende die strengen Einschlusskriterien [516].
Ziel war es, die Wirkung der Aufstellungsarbeit an Teilnehmenden zu messen bzw. nachzuvollziehen.
Ergebnisse von Konkolÿ Thege et al.
9 der 12 Studien zeigten statistisch signifikante Verbesserungen nach der Aufstellung in den Bereichen Selbstbild, psychische Symptomlast und Qualität der Familienbeziehungen [516].
- Studien, die keine Effekte fanden, wiesen nachweislich eine mangelhafte methodische Qualität auf [516].
- Eine Meta-Analyse über 5 dieser Studien ergab eine hohe Effektivität.
- Das beweist empirisch, dass Aufstellungen messbare psychische Erleichterung bewirken können [467, 516].
Auch negative Effekte wurden gesucht. 7 der Studien untersuchten unerwünschte Nebenwirkungen [516].
In 4 Studien berichtete eine konstante Quote von 5 % bis 9 % über leichte bis moderate negative psychische Nachwirkungen nach den Aufstellungen [467, 516].
Kritik und Grenzen:
Die Ergebnisse sind umfangreich und sehr positiv. Das ist eine erfreuliche Botschaft, auch für meine Arbeit. Solche grossangelegten Arbeiten sind in aller Regel auch aussagekräftig.
Nachteilig betrachte ich die Tatsache, dass weder du noch ich alle 4000+ Datensätze und die 12 Studien einzeln auf Fehlerpotenziale prüfen können. Wir müssen mehr oder minder auf die Ergebnisse der Analyse vertrauen.
Systematische Review von Souza et al. 2026
Die Ergebnisse von 2026 wirken auf den ersten Blick negativ, bestätigen aber genau das, was dir jede seriöse Aufstellungsarbeit bestätigen wird.
- Im GRADE-Konzept ist das Ergebnis „very low“, wenn die Familienaufstellung bei psychischen Störungen angewendet wird.
- Einzelne weltweit existierende RCT-Studien zur Aufstellungsarbeit zeigen nach dem Cochrane RoB 2-Tool ein hohes Risiko für systematische Verzerrungen [468].
Diese Ergebnisse gehen auf die Anwendung des Familienstellens in Extremsituationen ein und genau da braucht es einen ganz anderen Ansatz.
Soweit gehe ich mit. Wichtig bleibt für dich zu beachten: Extremfall, nicht regulärer und bewiesener Anwendungsfall. Das ist auch meine Kritik am Ergebnis.
Kritik und Grenzen:
- Der Review bezog sich auf die Anwendung bei psychologischen Problemen.
- Wer diese Unterscheidung nicht beachtet, ist schnell in der Annahme, das Familienstellen sei Unfug und wirke nicht.
Das wäre falsch. Viele Studien, unter anderem im Quellenverzeichnis, bestätigen Wirkung, Anwendung und Nutzen der Methode. Dennoch finde ich es alles in allem gut, eine Grenze zwischen alternativer Unterstützung und professioneller psychologischer Therapie zu ziehen.
Grenzen und eventuelle Nebenwirkungen im Familienstellen
Souzas Abschluss bietet eine gute Überleitung in das zweite wichtige Thema. Risiken, Nebenwirkungen und sonstige negative Aspekte. Dazu gleich vorweg:
- In meinen 20 Jahren hat die Aufstellungsarbeit generell nie einen schweren negativen Effekt auf meine Klienten gehabt.
- Ich kann jedoch nicht für unseriöse Anlaufstellen, schlechte Erfahrungen oder sonstige andere Aufsteller sprechen, nur für mich.
- Generell zeigen Wissenschaft und Forschung keine tatsächlichen Gefahren, wenn deine Mediation weiss, was sie da tut.
Viele Forschungen kommen zu einer sehr klaren Aussage: Die hohe Wirksamkeit einer Aufstellung geht Hand in Hand mit einer extremen emotionalen Verwundbarkeit [410].
Wenn du ungefiltert und ohne Schutzräume tiefste familiäre Traumata aufbrichst, setzt du dich massiven Risiken aus [410, 463]. Das ist Fakt und daher ist das Feingefühl eines meiner wichtigsten Werkzeuge.
Was sind potenzielle Nebenwirkungen beim Familienstellen?
Psychologen, Wissenschaftler und Therapeuten haben in etlichen Studien immer wieder 3 potenzielle Möglichkeiten herauskristallisiert:
1) Retraumatisierung
Durch die intensive Konfrontation mit traumatischen Szenen im Raum kann das Nervensystem einer Person mit einer massiven Ausschüttung von Stresshormonen reagieren.
Wer veranlagt ist, kann Panikattacken, dissoziative Zustände (Freeze) oder Flashbacks bekommen [410, 459].
Damit sowas nicht passiert, führen wir das Gespräch zu Beginn.
Die Einfühlsamkeit und Vorsicht tun ihr Übriges, sodass dieses Risiko maximal minimiert wird.
2) Psychische Destabilisierung
Nach einer intensiven Aufstellung kommen Studien wie Konkoly Thege et al. (2021) auf eine Negativquote von 9 %. Von hundert Aufstellungen würden demnach 9 Betroffene negative Nachwirkungen erfahren [467, 516] .
Beschrieben werden Schlaflosigkeit, tiefe depressive Episoden, Antriebslosigkeit, Gefühle existenzieller Sinnlosigkeit sowie das plötzliche Auftreten von psychotischen Symptomen (wie Halluzinationen oder Wahn) [410]. Letzteres ist als sehr unwahrscheinlich eingestuft.
Auch hier gilt wieder: Wende dich an seriöse und erfahrene Stellen. In meiner Arbeit gehört die Nachbetreuung zum Programm dazu. Hatte ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin eine sehr intensive Aufstellung, weise ich sogar an, auf mich zuzukommen, sobald was auffällig wird.
3) Suizidalität durch mangelnde Supervision
Dieser Punkt ergänzt meine Bitte um Seriösitätskriterien und erklärt, warum ich so viel in die Nachbereitung einer Aufstellung investiere.
In der klinischen Literatur sind dramatische Fälle dokumentiert, in denen Klienten nach unbegleiteten Hellinger-Seminaren wegen akuter Suizidgefahr psychiatrisch eingewiesen werden mussten oder sich das Leben nahmen [410].
Der bekannteste Fall ist der einer schwer depressiven Frau in Leipzig (1997), der Hellinger auf der Bühne bescheinigte, sie habe ein „kaltes Herz“ und werde „gehen“ (sterben) [463]. Die Frau erhängte sich kurz darauf [463].
Die moderne Psychologie distanziert sich auch deshalb so scharf von Bert Hellinger, weil seine Lehren reaktionäre, anti-emanzipatorische und potenziell missbräuchliche Ansichten enthalten [295, 296].
Kontraindikationen: Wann ich eine Aufstellung niemals durchführen würde!
Der letzte Punkt ist ein Dämpfer und bewusst für dich eingebaut. Es soll dir zeigen, wie wirksam, aber auch mächtig die Systemaufstellung ist und wie wichtig eine fürsorgliche Nachbereitung bleibt [410, 437].
Darum habe ich sehr strenge Leitlinien. Es gibt Umstände, unter denen ich dich niemals in eine Familienstellung oder eine anderweitige Aufstellung lassen würde:
- Akute Psychosen und Schizophrenie (Gefahr der Triggerung von akutem Wahn und Halluzinationen) [410].
- Schwere, akute klinische Depressionen (Gefahr der massiven Verstärkung von Suizidalität) [410].
- Frische, schwere Traumatisierungen (z.B. nach akutem Missbrauch, Unfällen, Gewalt – hier ist ausschliesslich bewusst stabilisierende Traumatherapie angebracht) [172].
Ich verweise auf allen Seiten und Leistungen darauf, dass gewisse Umstände eine Aufstellung unmöglich machen – zumindest bis wir eine gewisse Basis erreicht haben, unter der ein Mensch stabil und sicher aufgestellt werden kann.
Aufstellungsformen: Nutzen und Indikation im Überblick
Bevor wir in den letzten Schritt gehen, soll dir diese Tabelle helfen, dich auf einen Blick in den verschiedenen Formen und Aufstellungen zurechtzufinden.
Aufstellungsform | Methodischer Ablauf | Ideales Einsatzgebiet / Indikation | Kontraindikationen |
|---|---|---|---|
Klassische Familienaufstellung | Stellvertreter werden in einer Gruppe intuitiv im Raum platziert. Der Leiter führt den Prozess stark direktiv gemäss den „Ordnungen der Liebe“ [407, 418, 447]. | Generational verankerte Themen, Aufdecken unbewusster Familienloyalitäten [405, 419]. | Akute Traumatisierungen, Borderline-Störungen, psychotische Episoden [410, 463]. |
Systemische Strukturaufstellung (SySt®) | Aufstellung von abstrakten Elementen (z.B. „Das Ziel“, „Das Hindernis“, „Der verdeckte Gewinn“) unter Nutzung des Tetralemmas [422, 457, 531]. | Berufliche Entscheidungen, Zielkonflikte, psychosomatische Symptome, Organisationsberatung [422, 457]. | Keine spezifischen, da hochgradig kognitiv und flexibel steuerbar [457]. |
Einzelaufstellung | Der Klient arbeitet allein mit dem Therapeuten. Als Stellvertreter dienen Bodenanker (Filzmatten, Papier) oder Figuren [3, 12, 18, 416]. | Klienten, die den geschützten Rahmen bevorzugen oder für die Gruppenarbeit emotional zu überfordernd ist [18]. | Akute schwere Dissoziation (erfordert klinische Traumatherapie). |
Systembrett / Familienbrett | Kleine Holzfiguren werden auf einem Brett arrangiert, um Beziehungsdistanzen und Blickrichtungen visuell darzustellen [12, 487]. | Erstdiagnostik, Arbeit mit Kindern, kognitive Strukturierung im Coaching-Setting [12, 487]. | Keine. |
Genogrammarbeit | Eine strukturierte, grafische Darstellung des Stammbaums über mindestens drei Generationen unter Einbezug von Traumata, Krankheiten und Schicksalen [107, 435]. | Aufdecken von transgenerationalen Mustern, Vorbereitung einer klassischen Aufstellung [164, 435]. | Keine. |
Ahnenaufstellung | Gezieltes Aufstellen der Ahnenlinie (Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern), um den Fluss der Lebensenergie zu reaktivieren [416, 421]. | Gefühl der Entwurzelung, transgenerationale Traumata [416]. | Schwere psychische Instabilität. |
Aufstellung mit Kindern | Behutsame, meist spielerische Arbeit mit Figuren (z.B. Playmobil) auf dem Systembrett [3, 12]. | Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, Schulängste (oft symptomgelenkt durch Familiendynamiken) [3]. | Direkte Konfrontation des Kindes mit schweren elterlichen Traumata (Elternarbeit muss vorgehen!). |
Aufstellung mit Verstorbenen | Ein Stellvertreter repräsentiert ein verstorbenes Familienmitglied, um ungelöste Trauer oder Schuld zu klären [314, 315]. | Pathologische, blockierte Trauerprozesse, ungelöste Konflikte mit Verstorbenen [314, 315]. | Akute Halluzinationen oder Wahnthemen beim Klienten [410]. |
Aufstellungsarbeit ist heute ein hochentwickeltes, flexibles Instrumentarium [419]. Je nach Anliegen, therapeutischem Rahmen und psychischer Stabilität des Klienten kommen unterschiedliche Formate zum Einsatz [423].
Die Grundlagen bleiben immer die gleichen, der Ansatz und die Methodik variieren. Ich persönlich versuche zudem, alles immer an meine Kundschaft anzupassen und ein maximal auf die Person zugeschnittenes Konzept zu schaffen.
Schweizer Familienaufstellung: Eine Qualitätscheckliste für deine Suche
Woran erkennst du eine seriöse Aufstellungsleitung in der Schweiz? Die bereits niedergeschriebenen Inhalte habe ich dir ebenfalls nochmal aufbereitet.
Folgende Kriterien solltest du beachten, dann landest du auch garantiert bei einer seriösen Adresse, die dir sehr wahrscheinlich helfen kann:
- Grundqualifikation: Suche nach anerkanntem Psychotherapeuten (FSP / SBAP / ASP), Psychiater oder Berater mit fundierter, mehrjähriger systemischer Ausbildung (z.B. anerkannt durch die DGSF, SG oder das Schweizer Institut für Systemische Therapie) [438].
- Keine Guru-Aura: Er oder sie tritt nicht als allwissender Heiler auf [436]. Deine Autonomie steht an erster Stelle und du darfst jede Intervention jederzeit abbrechen, wenn sie sich für dich nicht stimmig anfühlt [438].
- Vollständiges Setting: Es gibt zwingend ein fundiertes Erstgespräch (Auftragsklärung) und das feste Angebot einer Nachbesprechung und therapeutischen Begleitung [438, 492].
- Kein Schweigegebot: Therapeuten, die dir verbieten, nach der Aufstellung über das Erlebte zu sprechen (Hellingers altes Dogma [75]), arbeiten unprofessionell. Ich empfehle lediglich, zuerst ein paar Tage wirken zu lassen, danach aber kannst du frei über alles Geschehene berichten. [438, 530].
- Keine Täter-Opfer-Umkehr: Es werden keine Unterwerfungsgesten gegenüber realen Gewalttätern oder Missbrauchern verlangt [172, 459] geschweige denn, dass du dich einer Opferrolle hingibst oder Rachegelüste artikulierst.
Suche nach Websites, die viel bieten und transparent sind. Sprich vorab mit den Personen, schau nach Erfahrungsberichten und nimm im Zweifelsfall zunächst als stille*r Teilnehmer*in teil.
Die weiteren Punkte hast du bereits im ersten Abschnitt zum Ende hin erhalten. Nimm diese hier als evidenzbasierte einfach dazu, wenn du magst.
Quellen- und Literaturverzeichnis (nach APA 7)
Hier findest du die im Text verwendeten Quellennummern in gemappten wissenschaftlichen Fachpublikationen und historischen Quellen. Die Nummern in eckigen Klammern entsprechen direkt den numerischen Belegen in diesem Beitrag:
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[6, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 141, 142, 143, 162, 163, 164, 270] Böszörményi-Nagy, I., & Spark, G. M. (2013). Invisible loyalties: Reciprocity in intergenerational family therapy. Routledge.
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Antworten auf brennende Fragen die du haben könntest:
„Lohnt sich Familienstellen?“ / „Was bringt eine Familienaufstellung?“
Ja, aber nur unter strengen Bedingungen.
Wenn du dich im Alltag immer wieder in denselben destruktiven Beziehungsstrukturen, unerklärlichen Ängsten oder emotionalen Blockaden wiederfindest, die du rational nicht erklären kannst, kann eine Aufstellung den entscheidenden Durchbruch bringen [388, 389].
Die Wissenschaft zeigt eine moderate bis starke Wirksamkeit zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Beziehungsqualität [467].
Aber: Sie bringt dir nur dann nachhaltig etwas, wenn sie Teil eines längerfristigen psychotherapeutischen oder beraterischen Prozesses ist [438].
Eine einmalige „Wunderheilung“ an einem Wochenende ohne Nachsorge lohnt sich fast nie und ist gefährlich [410, 437].
„Wie funktioniert Familienstellen?“
Eine Aufstellung macht deine innere unbewusste Landkarte im Raum sichtbar [543]. Du wählst aus einer Gruppe Stellvertreter für dich und deine Familienmitglieder aus und stellst sie intuitiv im Raum auf [407].
Über die repräsentierende Wahrnehmung spüren diese Stellvertreter körperlich und emotional sofort, wie die realen Personen zueinander stehen (z.B. Distanz, Wut, Kälte) [359, 408].
Der oder die Aufsteller*in verändert nun so lange die Positionen und lässt lösende Sätze sprechen, bis ein neues, harmonisches Bild im Raum entsteht [409]. Dieses „Lösungsbild“ nimmst du tief in deine Seele auf, wodurch sich deine inneren Blockaden lösen können [74, 75].
„Wie fühlt man sich danach?“
Nach einer Aufstellung durchläufst du meist eine Phase intensiver emotionaler Verarbeitung [37].
Klienten berichten oft von einer tiefen Erleichterung, Weichheit und dem Gefühl, eine schwere, unsichtbare Last abgegeben zu haben [34, 560].
Gleichzeitig kann sich dein Körper erschöpft oder leer anfühlen [410]. In den ersten Tagen können Träume intensiver sein, und verdrängte Emotionen (Trauer, Wut) können wellenartig auftauchen [345].
Das ist völlig normal und Teil des Integrationsprozesses, der bis zu mehrere Wochen dauern kann [34].
„Familienaufstellung-Kosten in der Schweiz“
Die Preise in der Schweiz variieren je nach Qualifikation des Anbieters und der Rolle, die du einnimmst:
- Eigene Aufstellung (als „Aufsteller“): CHF 250.– bis CHF 550.– (inkl. Vor- und Nachbesprechung).
- Teilnahme als Stellvertreter / Beobachter: CHF 50.– bis CHF 150.– pro Tag.
- Einzelsitzung (mit Figuren/Bodenankern): CHF 130.– bis CHF 220.– pro Stunde.
Schweizer Krankenkassen-Hinweis: Gesetzliche Grundversicherungen übernehmen Aufstellungen in der Regel nicht. Wenn der Aufstellende jedoch ein eidg. anerkannter Psychotherapeut mit einer DGSF/SG-Zertifizierung oder Schweizer FSP-Anerkennung ist, übernehmen einige Zusatzversicherungen (VVG) via die Alternativmedizin- oder Komplementärtherapie-Kataloge einen Teil der Kosten.
Ich bin nicht krankenkassenanerkannt, dafür aber auch preiswerter als große Systemanbieter.
Kann man eine „Familienaufstellung selber machen?
Prinzipiell ja, wobei das sehr unterschiedlich ist. Wer nicht weiss, wo er anfangen soll, tut sich schwer.
Aufstellungsarbeit ist kompliziert und je mehr es ins Eingemachte geht, desto schwerer der Prozess.
Meine persönliche Empfehlung ist, jemanden aufzusuchen. Damit bist du sicher und kommst auch wirklich zu den ersehnten Antworten.
Geht so eine Aufstellung auch mit Kindern?
Ja, sehr gut sogar!
Kinder sind anders als Erwachsene, freier in ihrer Ausdrucksweise. Reaktionen sind klar, wenn auch im ersten Moment nicht verständlich.
Mit Kindern ist die Aufstellungsarbeit genauso machbar wie mit den Eltern und Großeltern etc.
Wie ist die Familienaufstellung für Verstorbene
Wie die reguläre auch. Die Einbindung von Verstorbenen (z.B. früh verstorbenen Geschwistern oder im Krieg gefallenen Ahnen) ist eine der kraftvollsten Methoden des Familienstellens [314, 315].
Es geht dabei nicht um Geisterbeschwörung oder Spiritismus [358]. Viel mehr ist es eine Art Verabschiedung, Bereinigung, Vergebung, die stattfindet.
Ob religiös oder nicht, viele nehmen diesen Service in Anspruch, um einen Abschluss ganz individueller Natur zu finden.
